Johann Wolfgang von Goethe
Erste chinesische Gedichte in deutscher Sprache (1827)





 

Seit seiner Jugend hat sich Goethe immer wieder mit chinesischen Dingen beschäftigt, wenn auch meist nur flüchtig und nur am Rande seiner vielseitigen Tätigkeit.

Erste Übersetzung chinesischer Gedichte

1813 erwachte in ihm zum ersten Mal ein lebhaftes Interesse an China. Er las Marco Polo, Martinis Atlas Sinensis, Du Haldes Description, Reise- und Gesandtschaftsberichte und übte geduldig chinesische Schriftzeichen. Doch erst vierzehn Jahre später trug dieses Interesse eine reife Frucht: Im Frühjahr 1827 übersetzte er die ersten vier chinesischen Gedichte ins Deutsche.

"Neue Gedichte auf die Bilder hundert schöner Frauen"

Seine Vorlage war eine englische Übertragung (1824) von Teilen einer chinesischen Anthologie "Neue Gedichte auf die Bilder hundert schöner Frauen" (1788). Eines der Gedichte ist mit "Fräulein See-Yaou-Hing" überschrieben. Ein Verehrer bewundert die Leichtigkeit ihres Tanzes:


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Du tanzest leicht bei Pfirsichflor
Am luftigen Frühlingsort:
Der Wind, stellt man den Schirm nicht vor,
Bläst euch zusammen fort.

Auf Wasserlilien hüpfest du
Wohl hin den bunten Teich;
Dein winziger Fuß, dein zarter Schuh
Sind selbst der Lilie gleich.

Die andern binden Fuß für Fuß,
Und wenn sie ruhig stehn,
Gelingt wohl noch ein holder Gruß,
Doch können sie nicht gehn.

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Ein chinesisches "Rokokogedicht"

Die steife und fehlerhafte englische Übertragung verwandelte Goethe in ein Gedicht von leichter Eleganz und Ironie, gewissermaßen als ein letzter Gruß an das Rokoko und seiner überfeinerten Chinoiserie. Goethe wusste, dass er damit nur die Oberfläche einer reichen Literatur berührt hatte. Und doch war es vor allem diese ihm unbekannte Literatur, die - wie er seinem Freund und Sekretär Eckermann mitteilte - in ihm einen neuen Gedanken reifen ließ:


"Die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit"

Ich sehe immer mehr ..., dass die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist ... Aber freilich, wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreis unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gern bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun. Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit...

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Ausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Konstanz 2000-2001