Gottfried Wilhelm Leibniz - 'Novissima sinica' (1697)
die Idee von der west- östlichen Kultursynthese



 

Leibniz - ein universaler Gelehrter

Ingenieuren, Naturwissenschaftlern und Mathematikern ist Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) kein Unbekannter: Leibniz erfand nicht nur die Integralrechnung, sondern auch das binäre Zahlensystem und entwickelte die binäre Mathematik, welche heute als Grundlage der Computer und Nachrichtentechnik eine unermessliche Bedeutung erlangt hat.

 

 

Ein Freund Chinas

Dieser größte deutsche Mathematiker und Philosoph, Historiker und Sprachwissenschaftler, Jurist und politische Schriftsteller seiner Zeit war auch der bedeutendste Freund und Verehrer Chinas und seiner Kultur in Deutschland:

Aber wer hätte geglaubt, dass es auf dem Erdkreis ein Volk gibt, das uns, die wir doch nach unserer Meinung so ganz und gar zu allen feinen Sitten erzogen sind, gleichwohl in den Regeln eines noch kultivierteren Lebens übertrifft? Und dennoch erleben wir dies jetzt bei den Chinesen, seitdem jenes Volk uns vertrauter geworden ist.

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Die Idee der Synthese der Kulturen Europas und Chinas

Eine Synthese der Kulturen Europas und Chinas könnte in Zukunft, so glaubte er, zu einer höheren Gesittung in beiden Regionen führen, zu gegenseitiger Achtung und Toleranz, zu einer vernunftgemäßen Ethik und Politik. Ja, Leibniz hoffte, dass dieser Brückenschlag zwischen den Kulturen auch andere Nationen fördern und ihnen als Vorbild dienen würde:

Vielleicht zielt die Höchste Vorsehung darauf hin, dass, während sich hoch zivilisierte,aber weitest entfernte Nationen die Hand reichen, allmählich auch die Völker der dazwischen liegenden Regionen zu einem vernunftgemäßeren Leben geführt werden.

 

 

Novissima Sinica

1697 veröffentlichte Leibniz sein Buch Novissima Sinica, aus dem diese Zitate stammen. In dieser Schrift schaltete er sich in den Streit über die Chinamission der Jesuiten ein und verteidigte entschieden ihre wissenschaftliche Tätigkeit und ihre religiöse und kulturelle Anpassung und Toleranz.

Dies entsprach seinen eigenen Ideen. Leibniz sah in den historischen Religionen nur Ausprägungen einer universalen, natürlichen Religion. Wie für die Jesuiten waren auch für Leibniz die altchinesische und die jüdischchristliche Gottesvorstellung trotz ihrer Unterschiede keine Gegensätze, und die abendländische und konfuzianische Ethik waren für ihn im Grunde identisch.

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Der Brückenschlag bleibt Stückwerk

Dass der Brückenschlag zwischen den Kulturen aus Unverständnis und Dogmatismus Stückwerk blieb, gehört zu den bitteren Erfahrungen dieses Gelehrten. Den Niedergang der Jesuitenmission durch den Ritenstreit und Bannstrahl aus Rom (1704 und 1742) hat er nicht mehr erlebt.

 


I und 0 - ja und nein
die binären Systeme von Leibniz und des alten China

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Das binäre Zahlensystem von Leibniz

Am 15. März 1679 hatte Gottfried Wilhelm Leibniz ein Rechensystem entwickelt, das nicht zehn, sondern nur zwei Ziffern verwendet:

I und 0.

1701 beschrieb er seine Erfindung in einem Brief an die Patres Grimaldi und Bouvet in Peking. Er hoffte, dass sich auch der Kaiser Kangxi interessieren würde, nach seiner Meinung ein großer Liebhaber der Rechenkunst.


 
 

Das binäre System des alten China

Bouvet war überrascht. Er sah in dieser "arithmétique binaire" eine Analogie zu dem uralten chinesischen Zeichensystem, das ebenfalls nur auf zwei Zeichen beruht, der durchgezogenen und geteilten Linie:

___ und _ _.

Dies sind die Grundelemente des berühmtesten und wohl ältesten klassischen Werks der Chinsen, des Yiqing, des sogenannten "Buches der Wandlungen". Es stammt wahrscheinlich aus dem Anfang des ersten vorchristlichen Jahrtausends und war, wie man heute annimmt, zunächst ein Orakelbuch, in dem die beiden Zeichen vermutlich "ja" und "nein" bedeuteten.

 

 

Yang und Yin

Überrascht über diese Analogie war nicht zuletzt Leibniz. Wie sein Briefpartner Bouvet war auch er von der arithmetischen Bedeutung des Yiqing überzeugt. Die alten Chinesen, so glaubte er, kannten das Binärsystem und waren den modernen in den Wissenschaften überlegen.

Wir wissen heute, dass diese Erklärung des Yiqing nicht zutrifft. Das Yiqing war kein Mathematikbuch, sondern ein "Weissagebuch", das sich sich im Laufe der Zeit zu einem "Weisheitsbuch" entwickelte. Seine Linien drücken die Gegensätze Yang und Yin aus, also etwa den Himmel und die Erde, das Lichte und Dunkle, das Schöpferische und Empfangende. Zu Sechsergruppen zusammengefasst ermöglichen sie vielfältige Auslegungen der Wandlungen in der Natur und im menschlichen Leben. In seinem Werk Confucius Sinarum Philosophus (1687) hat Pater Bouvet die Tafel der 64 Hexagramme zum ersten Mal in Europa bekannt gemacht.

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Die "arithmétique binaire" - ihre Entfaltung in der modernen Welt

Der Brückenschlag zum alten China war in diesem Fall also eine Fiktion. Nicht in die Vergangenheit weist die "arithmétique binaire", sondern in die Zukunft. In der ersten Notiz über sein Binärsystem vom 15. März 1679 entwarf Leibniz zugleich eine Maschine, welche die digitalen Rechnungen ausführen sollte.

Die Entfaltung dieser Ideen in der modernen Welt hätte zur Zeit von Gottfried Wilhelm Leibniz jede menschliche Vorstellungskraft überstiegen.

 

Ausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Konstanz 2000-2001