Johannes Schreck-Terrentius Constantiensis
Wissenschaftler und Chinamissionar



zur ersten Seite   :---:    zweite Seite   :---:    zur dritten Seite   :---:    zur vierten Seite



Schreck - Philologe, Ingenieur und Arzt

 
Der Entdecker der naturwissenschaftlich-technischen Fachsprachen

 

Die Gastgeschenke der Missionare

Keineswegs stießen die Missionare immer auf Misstrauen und Feindschaft. Bei vielen chinesischen Gelehrten und selbst beim Kaiser hatten sie sich seit dem Wirken Matteo Riccis (+1610) hohes Ansehen erworben, denn sie fügten sich taktvoll in die chinesische Kultur ein und hatten nicht zuletzt kostbare Gastgeschenke mitgebracht: ihr Wissen über die modernste europäische Astronomie, Mathematik, Geographie, Technik und Medizin.

 

Die "zweite Große Mauer" -  die chinesische Sprache

Wie eine zweite Große Mauer türmte sich vor den Missionaren, die über Macao in das Innere des Landes zogen, ein Hindernis auf: die Chinesische Sprache. Schrecks Sprachkenntnisse sind atemberaubend: Fließend verständigte er sich auf Italienisch, Portugiesisch, Französisch und Englisch; seine Briefe schrieb er in gewandtem, präzisem Latein; er beherrschte die Ursprachen christlicher Kultur, Griechisch und Hebräisch und sogar Chaldäisch. Nun aber stand er vor einer Aufgabe, die selbst ein Sprachgenie in Verzweiflung stürzen kann. Für alle, die mit der chinesischen Sprache den gleichen verzweifelten Kampf führen, ein Trost von dem ersten Konstanzer, der Chinesisch gelernt hat:

Schon zwei Jahre beschäftige ich mich mit dieser Sprache, aber noch spreche ich weder noch verstehe ich Bücher ... so ist es, als ob wir drei Sprachen lernten ... Ich habe in zwei Jahren noch nicht 3000 Zeichen vollständig gelernt. 'sie flieg (im Kopf) aus und ein wie die tauben im taubenschlag.' (1622)

 
Zurück zum Seitenanfang



 

Schrecks technisch-naturwissenschaftliche Lehrbücher

Unsere Studierenden seien ermutigt: Auch Schreck hat es geschafft. Wenige Jahre später schreibt er, unterstützt von seinen neuen Freunden, chinesische Lehrbücher für Mathematik, Maschinenbau, Medizin und Astronomie.

Technisch-naturwissenschaftliches Übersetzungsprogramm

Dabei stieß er auf ein Problem, von dem wir glauben, dass es erst in unserer Zeit aktuell geworden sei: die Übertragung von naturwissenschaftlichen und technischen Fachsprachen. Wie soll man etwa eine technische Beschreibung aus dem Lateinischen ins Chinesische übersetzen, wenn die Sprachen völlig verschieden sind und wenn es in der Zielsprache gar keine entsprechenden Ausdrücke gibt? In einem groß angelegten Programm für die Übersetzung von technischen Schriften über Mathematik, Geometrie, Hydraulik, Musik, Optik und Astronomie (1629) versuchte Schreck eine Antwort auf diese Frage.

Da ce, "Das große Messen"

Es dürfte die verehrten Konstanzer Philologinnen und Philologen interessieren, dass eine Reihe von heutigen chinesischen Fachausdrücken aus Schrecks Werken stammen. Sein Lehrbuch Da ce, "Das große Messen" führte die Trigonometrie in China ein und damit ihre Grundbegriffe: zheng xian, Sinus, yu xian, Cosinus oder zheng qie, Tangens.

Zurück zum Seitenanfang
 

Die Nestorianische Tafel

Dass Schreck auch seine altsprachlichen Kenntnisse im fernen China würde nutzen können, dürfte ihn selbst überrascht haben. 1625 hatte man bei Ausgrabungen in der Nähe von Xian die berühmte "Nestorianische Tafel" entdeckt. Sie enthält eine chinesische und chaldäische Inschrift aus dem Jahr 781, die über eine christliche Gemeinde aus dem Anfang des 7. Jahrhundert berichtet. Der einzige, der die chaldäischen Textteile lesen konnte und verstand, war Johannes Schreck.

Zurück zum Seitenanfang


Die wunderbaren Maschinen des fernen Westens

Zurück zum Seitenanfang
 

Ein wunderbares Buch

Das erste chinesische Lehrbuch der europäischen Mechanik trägt einen werbewirksamen Titel: Yuanxi qiqi tushuo luzui, "Die wunderbaren Maschinen des fernen Westens in Wort und Bild". Nicht weniger wunderbar ist das Buch selbst - eine Gemeinschaftsarbeit Johannes Schrecks und seines chinesischen Freundes und Schülers, des kaiserlichen Beamten Wang Zheng (1571-1644).

 


 

Wang Zheng - Freund und Schüler Johannes Schrecks

1626 kam Wang Zheng nach Peking und suchte die Niederlassung der Jesuiten auf, mit denen er seit Jahren Beziehungen pflegte. Dabei erregte etwas sein besonderes Interesse: die Werke der Missionare über europäische Maschinen. Im Vorwort seines Buches berichtet er über dessen Entstehung:

Messen und Zählen

Ich bat nun dringend (die Werke) ansehen zu dürfen: Sie enthielten eine Menge Tafeln, darunter allein einige hundert mit illustrierten Bechreibungen wunderbarer Maschinen. Inständig bat Wang Zheng ... um eine Übersetzung ins Chinesische. Ein heutiger Ingenieur hätte auf diese Bitte wohl kaum anders geantwortet als damals Johannes Schreck:

Herr Deng [=Pater Schreck] sagte: 'Das Übersetzen selbst ist nicht das Problem. Die Prinzipien (dieser Maschinen) aber lassen sich ... erst dann begreifen, wenn man die Lehre vom Messen und Zählen beherrscht. Denn die Feinheit der (mechanischen) Geräte setzt unbedingt (gewisse) Maß und Zahleinheiten voraus. Aus den Maßeinheiten entwickelt sich dann das Messen und aus den Zahleinheiten das Rechnen.

 



 

Grundgesetze der Mechanik

Eine wichtige Grundlage der Mechanik - so Schreck - sind die Hebelgesetze, die auf "Verhältniszahlen" (also Proportionen von Längen und Kräften) beruhen. Sicher wünscht der selige Pater allen heutigen Lehrenden in seiner Heimat ebenso kluge und motivierte Schüler und Studenten wie Wang Zheng: Der Lehrer unterwies mich (in diesen Wissenschaften), und als ich mich mehrere Tage damit beschäftigt hatte, verstand ich im Großen und Ganzen auch ihre Grundgedanken. Hierauf nahm er die illustrierten Maschinenwerke her und gab mir mündlich die nötigen Erklärungen. Diese schrieb ich sofort nieder und war ... nur auf Einfachheit und leichte Fasslichkeit bedacht, um jedermann die Lektüre zu erleichtern.

Zurück zum Seitenanfang
 

Europäische Quellen des Buches

Wir kennen die Quellen des Buches: Es sind Werke europäischer Ingenieure und Mathematiker des 16. Jahrhunderts, wie die des Italieners Ubaldi, (Mechanicorum liber, 1577), des Niederländers Simon Stevin (1586) oder des Italieners Agostino Ramelli (1588). Diese haben die Mechanik der Antike im Europa der Renaissance wieder bekannt gemacht und weiterentwickelt, vor allem die des griechischen Gelehrten und Ingenieurs Archimedes (285-212 v.Chr.). In jenen Büchern also finden sich die Vorlagen für die Bilder und Beschreibungen der Hebe, Zug und Fördergeräte, der Sägewerke, Mühlen und Feuerlöschgeräte im qiqi tushuo.

 

 

Erste Zusammenarbeit eines deutschen Wissenschaftlers mit einem chinesischen Kollegen

Auch aus diesem Werk stammen Ausdrücke, die wir in der modernen chinesischen Fachsprache wiederfinden: ganggan, der Hebel, xie mian, die schiefe Ebene, oder zhong xin , der Schwerpunkt. Der begabte Zeichner Wang Zheng kopierte die Illustrationen. So also entstand das Buch von den "wunderbaren Maschinen" und dreieinhalb Jahrhunderte vor dem Beginn der Zusammenarbeit der FH Konstanz mit Hochschulen in China die erste fruchtbare Kooperation eines Wissenschaftlers aus Konstanz oder seiner Umgebung mit einem chinesischen Kollegen.

Zurück zum Seitenanfang


"Dr. med."  Johannes Schreck

 
 

"Abriss der Erläuterung des menschlichen Körpers ..."

Bereits als junger Mann war Johannes Schreck ein bekannter Arzt. Er hatte an der Hochschule in Altdorf bei Nürnberg und 1603 in Padua Medizin studiert. Arzt blieb er auch in seinem Gastland. So, wie er die chinesischen Gelehrten über die europäischen Maschinen informiert hatte, so unterrichtete er sie über die europäischen Kenntnisse in der Anatomie. Auch sein medizinischen Lehrbuch ist eine Gemeinschaftsarbeit mit einem chinesischen Kollegen: Taixi ren-shen shuogai (Erstdruck 1643), "Abriss der Erläuterung des menschlichen Körpers aus dem erhabenen Westen".

 

Erster Bericht über die Akupunktur

Schrecks Interesse galt ebenfalls der chinesischen Medizin, und wohl zum ersten Mal berichtete er über eine typisch chinesische Therapie nach Europa: Sie treiben eine sehr lange Nadel in die Haut, stecken sie ganz hinein, und indem sie sie verschieden bewegen, 'als wan sie ein staren stechen', vernichten sie, wie ich glaube, ... Geschwulste, aber das alles habe ich vom Hören, ich konnte es noch nicht sehen. (1622)

 
Zurück zum Seitenanfang

Wärmebehandlung

Während die europäischen Ärzte ihre Patienten mit Brenneisen quälten, haben die Chinesen - wie Schreck zum ersten Mal berichtet - bis heute eine viel sanftere und wirkungsvollere Art der Wärmebehandlung: Die Chinesen brauchen statt der Brenneisen etwas Absinthium [getrocknete und zerriebene Absinth-pflanzen] und verbrennen es auf der Haut, bei den meisten mit großem Erfolg.

 
 

Ein mörderisches Laster

Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verbreitete sich von Amerika aus ein Laster über die Welt und damit ein Teufelskraut, das den Süchtigen den Atem verpestete, die Lungen zerfraß und dem sogar fromme Patres verfielen. Starb einer von ihnen, dann wurde die Leiche nicht etwa von seinen Glaubensbrüdern mit einem Requiem gleich ins Grab gesenkt, sondern von Pater Schreck seziert. Diese Art der medizinischen Forschung war bei den Chinesen tabu, führte aber zu erstaunlichen Erkenntnissen: Wahrscheinlich war Schreck der erste, der 1621 bei einer Obduktion die mörderische Wirkung jenes Krauts erkannte:

Gestorben ist ... ein japanischer Pater ... Ihm stank auf Grund häufigen Tabakgenusses der Atem. Als seine Brust geöffnet war, fand ich trockene Lungen vom Aussehen eines Schwammes, mit sehr vielen blassblauen Flecken übersät. Diesen Satz sollten die EU-Gesundheitsminister unter die Zigarettenwerbungen setzen lassen. Dr. med. Johannes Schreckwürde für den Erfolg dieser Warnung garantieren.

Wirf deine Zigaretten weg! Es warnt dich Doktor Johann Schreck.

 

Zurück zum Seitenanfang


zur ersten Seite   :---:    zweite Seite   :---:    zur dritten Seite   :---:    zur vierten Seite

Ausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Konstanz 2000-2001