Johannes Schreck-Terrentius Constantiensis
Wissenschaftler und Chinamissionar



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Schreck - Botaniker, Astronom und Missionar

 

Ein vergessener Universalgelehrter

Wie konnte es nur geschehen, dass man einen der bedeutendsten, vielseitigsten und interessantesten Gelehrten in seiner Heimat fast völlig vergessen hat? Seine Zeitgenossen nennen ihn eine Arche der Wissenschaft, ein Schmuckstück der Gelehrsamkeit auf allen Gebieten, ein moderner Historiker bezeichnet ihn als génie universel; und dennoch: keine Schule und keine Bibliothek, kein Platz und kein Gässchen trägt irgendwo seinen Namen: Johannes Schreck, später latinisiert: Terrenz oder Terrentius Constantiensis.

 

Herkunft und Heimat

Über seine Herkunft hat man lange gerätselt. Ursprünglich glaubte man, er stamme aus der Schweiz. Da er sich Constantiensis nennt, lag es nahe, im Konstanzer Stadtarchiv nachzuforschen. Doch irgendeinen Eintrag über seine Familie oder Taufe suchen wir dort vergeblich. Der erste Hinweis auf seine Heimat stammt vom 3. Mai 1611. Schreck, damals schon als Arzt international hoch geachtet, bestätigt seine Aufnahme in die Elite-Akademie "dei Lincei" (der "Scharfsichtigen") in Rom und nennt sich Sohn des Sebastian Constantiensis im 35. Lebensjahr. Sein Geburtsjahr ist also 1576.

 

 

Schreck übernahm sogleich das erste wissenschaftliche Projekt der jungen Akademie: die Kommentierung und Herausgabe des Rerum medicarum Novae Hispaniae Thesaurus, eines großen botanischen Lexikons aus der Neuen Welt. Neben dem Verfasser, dem Spanier Franciscus Hernandes, erscheint Schreck als Mitautor: ... a Joanne Terrentio Lynceo Costantiense Germano philosopho ac medico ... Aus späterer Zeit wissen wir, dass ihn auch seine Freunde so genannt haben: Costantiensis.

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Constantiensis oder Sigmaringensis?

Dennoch: Diese Bezeichnung bedeutet nicht zwingend, dass er aus Konstanz selbst stammt. In einem Chinakatalog von 1621 im römischen Jesuitenarchiv findet sich nämlich der Eintrag: Terrentius Germanus ex dioc. Const., also aus der Konstanzer Diözese. Und in der Tat führt eine Spur in das Untertanengebiet des Fürsten von Zollern-Sigmaringen. Zwar ist sein Name auch dort nirgends genannt. Ein mit der Herrscherfamilie bekannter subditus, ein Untertan, war wahrscheinlich kein anderer als Johannes Schreck.

Hat Schreck sich also als Costantiensis bezeichnet, weil er aus der Konstanzer Diözese stammte? 2003 löste sich das Rätsel. In der Matrikel der Universität Freiburg entdeckte man den Eintrag: Joannes Schreck Bingensis dioces. Constant. Am 19. Dezember 1590 wurde Schreck immatrikuliert, am 4. Januar 1594 wurde er Bakkalaureus und am 9. Januar 1596 Magister. Schrecks Heimatort ist also Bingen bei Sigmaringen, seine Alma Mater die Universität Freiburg.

 

 


Zwei "Scharfsichtige" - Galileo Galilei und Johannes Schreck

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Ein berühmter Kollege und ein starrsinniger Geistlicher

Nur wenige Tage vor Schreck hatte die "Accademia dei Lincei" einen weiteren "Scharfsichtigen" gewonnen: Galileo Galilei. Schreck kannte ihn schon seit seinem Medizinstudium in Padua 1603. Offensichtlich entfachte nun Galilei sein Interesse an Physik und Astronomie. Noch in einem Brief von 1622 berichtet Schreck, wie er 1611 nachts auf dem Monte S. Trinitatis in Rom mit Galilei den Sternenhimmel untersuchte, und nicht ohne Spott erinnert er an einen starrsinnigen Geistlichen,

... jenen Priester, der mit uns auf dem Monte S. Trinitatis stand und sich weigerte, durch Galileis Fernrohr die Sterne zu betrachten, damit er die Wahrheit nicht zugeben musste, die ihm seine Augen diktiert hätten.

Wer in der Schule Bert Brechts Leben des Galilei gelesen hat, dem dürfte diese Stelle bekannt vorkommen.

 

Eintritt in den Jesuitenorden

Doch zu Galileis und aller Freunde Überraschung fasste Schreck einen plötzlichen Entschluss: Er trat in den Jesuitenorden ein und begann die Vorbereitung auf seine Tätigkeit als Missionar. Una gran perdita schrieb Galilei enttäuscht, "ein großer Verlust". Wie konnte Schreck - so mag er sich gefragt haben - eine glänzende wissenschaftliche Karriere an einem Fürstenhof in den Wind schlagen und sich statt dessen in dieses Abenteuer stürzen? Wir kennen Schrecks Motive nicht, doch so viel können wir vermuten: Er sah in seiner Entscheidung nicht das Ende seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, sondern einen neuen Anfang in einer neuen Welt. Nur mit den Missionaren konnte er sein Ziel erreichen. Dieses Ziel war China.

 

Schrecks Werke,
siehe zweite Seite

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"Akademischer Berater" des Paters Trigaut

1614 traf Schreck den belgischen Jesuitenpater Niklaas Trigaut, der aus China zurückgekehrt war, um für die dortige Mission zu werben. Schreck wurde sein "akademischer Berater" und übernahm die Aufgabe, für die Chinamission die damals modernsten wissenschaftlichen und technischen Schriften und Instrumente zu sammeln. Eine der größten Autoritäten in der Wissenschaft war natürlich Galilei. Alle Hoffnungen Schrecks richten sich nun auf ihn. Inständig bat er in mehreren Briefen gemeinsame Freunde in Rom, bei Galilei um Unterstützung zu werben:

 
 

Vergebliche Bitte an Galilei

Von Herrn Galilei wünschte ich einzig seine Methode zur Berechnung der Sonnen- und Mondfinsternisse, bevor ich nach China abreise ... so in einem Brief am 18. Mai 1616. Wenn er wenigstens die eine oder andere Finsternis der kommenden Jahre angeben würde, damit ich feststellen könnte, wie weit sie sich von den Berechnungen Tycho-Brahes unterscheidet ... Doch Galileis Antwort war ein trockenes "Nein!"

 
 

 

Diplomatischer Rat an seinen Lehrer Galilei

Kein Wunder - denn seit dem Februar 1616 saß dem Physiker die heilige Inquisition im Nacken, und sei es aus Groll, sei es aus Vorsicht, die Kirche und ihre Jesuiten hatten von ihm nichts mehr zu erwarten. Fast wünschte man, er wäre dem diplomatischen Rat seines Verehrers Schreck gefolgt, der wenige Wochen nach Galileis Zensur durch die Inquisition an seinen Freund Faber in Rom schrieb:

Ich wundere mich, dass Herr Galilei so hartnäckig auf der Erdbewegung besteht, als ob es nicht ausreichte zu sagen, dass dies eine Hypothese sei, die bei astronomischen Berechnungen gute Dienste leistet. Lassen wir doch ihren Wahrheitsgehalt dahingestellt.

Und dennoch hat Galilei ungewollt der Mission einen guten Dienst erwiesen: Kardinal Federico Borromeo von Mailand schenkte im gleichen Jahr Johannes Schreck ein kostbares galileisches Fernrohr, das erste, das nach China gelangen sollte.

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Höllenfahrt und "Plinius Indicus"

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Höllenfahrt nach Indien

Am 16. April 1618 stach die Gruppe von 22 Missionaren, geleitet von Pater Trigaut, von Lissabon aus in See. Doch der Teufel hetzte alle seine Dämonen auf die fromme Schar. Schon an der Mündung des Teijo plünderten holländische Piraten ein Schiff mit Gütern und Geschenken für die Mission. In der Gluthitze vor Westafrika brach eine Seuche aus. Das portugiesische Reiseschiff verwandelte sich in ein Hospiz für Sterbende. 45 Menschen kamen um, darunter der Kapitän und fünf Missionare. Dass nicht noch mehr starben, verdankten die Reisenden nicht zuletzt dem einzigen fähigen Arzt an Bord: Johannes Schreck. Schließlich wurde er selbst bei der täglichen Pflege der Kranken von der Seuche erfasst. Brieflich ist uns eine bewegende Szene überliefert: Ein junger Missionar fleht zu Gott: Verschone Pater Terrentius, lass mich statt seiner sterben! Und Gott erhörte sein Gebet. Der Missionar starb, und Schreck wurde wieder gesund.

 
 

Ankunft in Goa

Ungeheuere Freude muss die erschöpften Seefahrer erfüllt haben, als das Schiff am 4. Oktober in Goa in Westindien einlief. Dank sei dem seligen Franz Xaver! Er hatte den Teufel besiegt, und die Höllenfahrt war zu Ende.

 
 

 

Plinius Indicus

Schon in Goa hatte er sich wieder in seine botanischen Forschungen gestürzt. Was Hernandez für die Neue Welt geschaffen hatte, das erstrebte er für Indien und China: eine große botanische und zoologische Enzyklopädie, die den Titel tragen sollte "Plinius Indicus". Etwa 500 in Europa unbekannte Pflanzen zeichnete und beschrieb er allein in Indien. Wir besitzen einen Brief Schrecks aus Goa vom 14. Mai 1619 an seinen Freund Faber in Rom: Wenn ich ein ganzes Jahr hier geblieben wäre, so schrieb er, hätte ich Ihnen zweifelsohne 1000 Pflanzen gegeben, alle neu, eine jede mit ihren (Heil)Kräften.

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Wir erkennen hier ein zentrales Motiv seiner botanischen Forschung, vielleicht das Hauptmotiv seiner Asienreise überhaupt: die Suche nach Heilpflanzen. Nicht weniger eifrig studierte er die Tierwelt; nur die Vögel entzogen sich, wie er resigniert feststellte, seinem Forschungsdrang: aves nullas, sie flieg mir zuhoh.

Schrecks Lebensspanne reichte nicht aus, um den Plinius Indicus zu vollenden. Bis zur Mitte des 19. Jahrhundert lag dieses Werk in zwei gewaltigen Bänden von Handschriften (so Athanasius Kircher) in der Jesuitenbibliothek in Rom und sind seither leider verschollen.

(Die nebenstehenden Bilder stammen aus 'Flora Sinensis', 1665, des Paters Michael Boym)

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Von Macao nach China

Am 22. Juli 1619 erreichte Schreck nach einer Fahrt über Bengalen, Sumatra und Indochina endlich den kleinen portugiesischen Stützpunkt an der Ostküste Chinas, Macao. Zwei Jahre lang saß Schreck, zeitweise krank, in Macao fest. Noch war die Lage in China ungünstig, denn ein mächtiger, christenfeindlicher Staatsrat hätte am liebsten alle Missionare verjagt. Endlich, wieder ein Brief an seinen Freund Faber in Rom: Am 5. Mai dieses Jahres (1621) bin ich ... in China eingedrungen. Gott sei Lob! 1621 erreichte er Hangzhou, und im Spätjahr 1623 Peking.

 
 


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Virtuelle Internetausstellung basierend auf der Ausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Konstanz im Frühjahr 2001 von Prof. Dr. Erich Zettl