Martino Martini - 'Novus Atlas sinensis' (1655)
die Kartographie Chinas im 17. Jahrhundert



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Die chinesische Mauer - Sitten und Gebräuche

 

Wohl selbstironisch behauptet Martini, dass er seinen Bericht über das legendäre Wunder chinesischer Baukunst in der Hektik fast vergessen hätte:

 
 

Die Mauer

Entfallen war mir, während ich diese Berichte in aller Eile zu Papier brachte, das große und durch die Werke so vieler Geschichtsschreiber berühmte Bauwerk, von dem unsere eigene und die frühere Zeit mit größter Bewunderung vernommen hat und das ewiger Erinnerung würdig ist, ich meine die große Chinesische Mauer. Bei den Europäern genießt sie, wie ich sehe, eine bis heute äußerst legendenhafte Berühmtheit. Sie begrenzt nicht nur eine, sondern insgesamt vier Provinzen, obwohl, wie mir scheint, man von der bis heute geschätzten Länge doch etwas abziehen muss. Ich finde, dass sie die Länge von 300 deutsche Meilen nicht überschreitet, wobei 15 Meilen einem Grad gleichzusetzen sind.

Zweck der Mauer - Schutz gegen Feinde

In bestimmten Abständen befinden sich hohe Türme und, wo es die Notwendigkeit erfordert, Durchgangstore und daneben stark befestigte Burganlagen, die sowohl zum Schutz der Mauer als auch als Militärquartier vorzüglich geeignet sind, wie man auf Karten erkennen kann. Der chinesische Kaiser hat, wie berichtet wird, dort nicht weniger als eine Million Soldaten stationiert ...

 

 

Zur chinesischen Höflichkeit

China - "Land der Höflichkeit und Güte"

China verstand sich seit jeher als ein "Land der Höflichkeit und Güte". "Li", der klassisch-konfuzianische Grundbegriff sittlichen Verhaltens, schließt Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe ebenso ein wie Ehrfurcht vor dem Alter, Bescheidenheit und Toleranz, aber auch die vielfältigen Höflichkeitsrituale als Ausdruck dieser ethischen Werte. Diese Rituale waren zugleich ein Spiegel der streng hierarchischen Ordnung des feudalistischen China und gelten zum Teil bis heute. Befremdet und bewundernd zugleich beobachtet Martini die Höflichkeitsformen in seinem Gastland:

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Höflichkeitsrituale

Höflichkeitsrituale sind unter den Chinesen so verbreitet, dass einem davon fast der Schwindel überkommt. Mit Aberglauben hat das allerdings nichts zu tun. Den Ehrenplatz unter Mitbürgern überlässt man immer dem Älteren, unter Gästen dem, der aus dem entfernteren Ort kommt. Bei uns in Europa werden Ehrentitel entsprechend der Würde der Familie oder der Machtfülle eines Amtes vergeben, bei den Chinesen nur entsprechend dem Alter. Je älter jemand ist, desto ehrenvoller die Anrede. Es gibt hier sogar verschiedene Grade. Die Anreden "ich, du" u.s.w. dürfen nur Höhergestellte gegenüber Untergebenen oder Herren gegenüber Dienern gebrauchen. Von Jugend an wird jeder von einem Gesprächspartner entsprechend seines Ranges angeredet. 

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Freundlichkeit, Bescheidenheit und Takt

Auf öffentlichen Versammlungen sind die Chinesen bei ihren Begrüßungen überaus höflich. Bei Banketten sind die Wohlhabenden gegenüber Gästen beliebigen Standes von größter Freundlichkeit, in ihren Gebärden und ihrer ganzen Haltung von höchster Bescheidenheit und Zurückhaltung. Man kann kaum darüber hinausgehen. Vor allem die Gelehrten und Beamten übertreffen die Übrigen an stoischer Würde ... Selten hört man Fluchen und Obszönitäten...

Eine würdevolle Haltung des ganzen Körpers drücken sie durch tiefe Verbeugungen aus, wobei ihre Hände zusammengelegt und bedeckt sind. Wenn sie einander begegnen, bleiben beide stehen und verneigen sich gleichzeitig voreinander, wobei jeder dem anderen die gleiche Wertschätzung entgegenbringt.

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Beim Essen

Jeder Chinareisende kann die Beobachtungen und Erfahrungen Pater Martinos bestätigen, was das Essen betrifft:

Selbst unter dem einfachen Volk gilt es als unschicklich, Speisen mit den Fingern aufzunehmen. Mit Gewandtheit führen sie zwei längere Stäbchen zum Mund, die aus Ebenholz, Elfenbein oder aus einem anderen Stoff bestehen ... Wenn man sich nur einigermaßen daran gewöhnt hat, ist das eine angenehme und sehr bequeme Art zu essen, obwohl es für einen Anfänger doch recht lästig ist.

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Zur Kritik an der chinesischen Kultur

Bei aller Anpassung an die chinesische Kultur berichtet Martini doch auch über Sitten, Gebräuche und Vorstellungen, die seine Zustimmung nicht finden.

"Aberglauben" der Buddhisten und Taoisten, "ungerechtes" Los der Frauen, Konkubinen

Es ist nicht erstaunlich, dass Martini verschiedene Vorstellungen und Mythen des Volkes, besonders der Buddhisten und Taoisten, als "Aberglauben" bezeichnet. Darin war er sich wohl mit den konfuzianischen Gelehrten und Beamten einig. Nicht einig mit ihnen war er sich sicher in einem anderen Punkt: Den chinesischen Männern war es erlaubt, neben ihren Frauen Konkubinen zu halten. Für die Frauen - so das Urteil Martinis - sei dieser Zustand adeo in-iquus, also "sehr un-gleich, sehr un-gerecht". Und noch eine Sitte erregte das Missfallen des bewundernswürdigen Paters:

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Eine seltsame chinesische Sitte

Kleine Füße gelten (bei den Chinesen) als ein ganz wichtiges Merkmal weiblicher Schönheit und Attraktivität. Deshalb drücken und pressen sie als erstes den neugeborenen Mädchen die Füße ganz fest zusammen und schnüren sie mit Bändern ein, so dass sie nicht mehr wachsen können. Man wundert sich wirklich über diese lächerliche Torheit in einem kulturell so hochstehenden Volk. Selbst wenn man ihnen die (schöne) Helena vorführen würde, würden sie sie wegen ihrer größeren Füße für hässlich halten.

Wir haben keinen Anlass zu bezweifeln, dass Pater Martino das weibliche Geschlecht hoch verehrt hat; deshalb werden die Damen ihm sicher verzeihen, wenn er den Grund dieser seltsamen chinesischen Sitte nicht verschweigt:

So nehmen also alle Frauen bereitwillig diese Art von Tortur auf sich, um den Männern zu gefallen.

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Ausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Konstanz 2000-2001