Martino Martini - 'Novus Atlas sinensis' (1655)
die Kartographie Chinas im 17. Jahrhundert



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Blühende Provinzen und Städte

 
 

Peking

Der erste Rang gebührt der Provinz Peking, da sie auch an Würde die erste ist. Sie hat ihren Namen von der Kaiserstadt Peking, was "nördliche Residenz" bedeutet, im Unterschied zur "südlichen Residenz" Nanking ...

Genau vermisst der Geograph Martini den Breitengrad Pekings, und souverän und selbstbewusst legt er mehr als 230 Jahre, bevor man sich auf Greenwich einigte, den Längengrad 0 durch die chinesische Hauptstadt:

... ihr Breitengrad, den ich oft vermessen habe, übersteigt den Wert 40 nicht, er beträgt genau 39° 59'. Als Längengrad setze ich 0. Den ersten Meridian lege ich also durch diese Stadt. (Nicht einmal unter den Europäern finde ich etwas [über die Setzung des Längengrades 0], woran man sich halten könnte, und es ist wirklich beschämend, dass die Geographen sich über diese wichtige Frage nicht einigen.)

 


 


Der Kaiserpalast

Neben der Chinesischen Mauer erregte sicher der Kaiserpalast in Peking am meisten die Phantasie der Europäer:

Der Kaiserpalast, der im nördlichen Teil der Stadt liegt, übertrifft alles, was wir kennen, an Pracht und Größe. Das gilt für die Ausdehnung wie für die außergewöhnliche Ornamentik. Sein Umfang beträgt zwölf chinesische Stadien. Vier Tore öffnen sich zu den vier Teilen der Welt. Am häufigsten gebraucht wird das Südtor. Ein dreifaches massives Mauerwerk umgibt den Palast. Zwischen den beiden äußeren Mauern sind Eunuchen als Leibwächter stationiert. Ihren höheren Vorgesetzten ist es erlaubt, zu Besprechungen in das Innere des Palastes einzutreten.

Innerhalb der letzten Mauer, die den weitaus größten Platz umschließt, auf dem Wohngebäude errichtet und Gärten, Parkanlagen und Seen angelegt sind, residiert der Kaiser. Niemand hat hier Zutritt außer den Eunuchen und den Frauen, die dem Herrscher für alle Dienste zur Verfügung stehen. Vielgestaltig sind ihre Dienstgrade und Würden. Es gibt eine legitime Gemahlin des Kaisers und eine Anzahl von Konkubinen ...

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Nanking

Mit Erstaunen beobachtet Martini das Leben in den dicht bevölkerten Städten und Gemeinden, den blühenden Handel und das blühende Gewerbe in der Provinz Nanking, zu der damals auch Shanghai gehörte, und nicht zuletzt die Schönheit und den Reichtum ihrer Haupstadt:

Zu den Merkmalen dieser Provinz zählt nicht nur ihre Berühmtheit, sondern auch ihre Größe, ihre ungewöhnliche Fruchtbarkeit und ihre Bedeutung für den Handel, da ja in dieser Provinz die bekanntesten Städte Chinas liegen. Zahlreich sind die Städte und Gemeinden, die außergewöhnlich großen Handelsplätze. So groß ist die Zahl der Kaufleute, die Menge der zusammenströmenden Handelswaren, dass es fast die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. ...

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Blühender Handel - hochwertige Güter

Alles, was in der Provinz Nanking hergestellt wird, gilt als höherwertig als die Güter, die man anderswo produziert, so dass alles, was aus dieser Provinz kommt, schon allein dadurch einen besseren Ruf hat, und der Preis und der Wert einer Ware sich erhöht, wenn sie nur mit diesem Namen gekennzeichnet ist ...

Martini hätte der Fachhochschule Konstanz sicher zu ihrer Zusammenarbeit mit einem Institut in dieser schönen und großen Stadt gratuliert, das sich auf einem der freundlichen, kleinen Anhöhen befindet, die er beschreibt, dem Tong Jia Shan:

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Eine prachtvolle, elegante Weltstadt

Nach dem Urteil der chinesischen Geographen übertrifft die Stadt (Nanking) alle Städte der Welt nicht nur an Größe, sondern auch an Schönheit ... Das gilt sicher für den inneren Teil der Stadt, der zum großen Teil eben ist, der aber auch einige freundliche, kleine Anhöhen einschließt, und überall mit Palästen, Tempeln und aufragenden Türmen bebaut ist ... In keiner anderen Stadt findet man ein solches gesundes, mildes Klima, einen so kräftigen Sonnenschein, eine so vorzüglich begabte Bevölkerung, eine solche Urbanität und Kultur und eine solche Eleganz ihrer Sprache.

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Shanghai

Seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. kennt man in China die Verarbeitung von Seide, die das Land schon in der Antike berühmt gemacht hat. Das Wort "China" selbst bedeutet ursprünglich "Land der Seide". Natürlich trug der größte Teil des Volkes keine Seidenkleider, sondern Kleider aus Baumwolle. Shanghai - früher eine Stadt der Baumwollweber - eine Vorstellung, an die man sich erst gewöhnen muss:

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Eine Stadt der Baumwollweber

... Überall findet man eine ausgedehnte Seiden sowie Baumwollverarbeitung, so dass allein ider Stadt Shanghai und in den umliegenden Bezirken bis zu 200 000 Weber leben sollen, von denen der größte Teil, ja, man kann sagen praktisch alle, mit der Baumwollweberei beschäftigt sind. Dabei ist es besonders erstaunlich, dass in dieser Arbeit vor allem die Frauen Hervorragendes leisten, wärend die Männer in der Landwirtschaft oder in den übrigen Gewerben tätig sind. Ja, es gibt Männer, die ihre Kinder wie Ammen betreuen und erziehen, weil ihre Frauen am Webstuhl sitzen und dafür keine Zeit haben. Es ist daher nicht verwunderlich, dass allein diese Stadt aus den Erträgen der Baumwollverarbeitung dem Kaiser eine Summe von 250 000 Dukaten an Steuern zahlt.

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Die alte Kaiserstadt Xian

Die Metropole Xian liegt in einer lieblichen, außergewöhnlich schönen Gegend. An Größe und Alter, an der Festigkeit der Stadtmauern, der Eleganz des Anblicks und der Häufigkeit der Handelsmessen steht sie wenigen nach. ... Der Leser erkennt das Alter schon dadurch, dass sie der Regierungssitz dreier kaiserlicher Dynastien war, der Zhou, der Qin und der Han Dynastie ...

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Das "Nestorianische Monument"

Heute ist die alte Kaiserstadt durch eine archäologische Entdeckung berühmt geworden: die Armee der Tonsoldaten des Kaisers Qin shi huang (221-210 v. Chr.), die man in ihrer Nähe ausgegraben hat. Auch im 17. Jahrhundert war Xian durch einen aufsehenerregenden archäologischen Fund bekannt:

Was diese Provinz besonders berühmt macht, ist ein sehr alter Stein, in dem teils syrische, teils chinesische Schriftzeichen eingeritzt sind. Diese handeln von der heiligen Lehre, die von Nachfolgern der Apostel nach China gebracht wurde. Darauf sind die Namen von Bischöfen und Priestern und die ihnen gewährten kaiserlichen Privilegien verzeichnet, ebenso eine kurze aber ganz genaue, wirklich bewundernswerte Erklärung der christlichen Lehre in elegantestem chinesischem Stil ... Gefunden wurde der Stein im Jahr 1625, als man einen Graben aushob, um die Fundamente einer Mauer zu errichten ...

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Wuhan (damals Wuchang)

Die Metropole Wuchang ist eine riesige, durch die Pracht ihrer Bauwerke innerhalb und außerhalb der Mauern berühmte Stadt. Darin liegt der prächtige Palast des Königs aus der Dynastie der Taiming, der hier eine Residenz hatte. Fünf Tempel überragen die übrigen an Größe und Glanz. Die Stadt liegt südlich des Flusses Kiang, und obwohl sie nicht unmittelbar an das Ufer angrenzt, herrscht in der Stadt ein reger Schiffsverkehr auf den Kanälen, die man vom Fluss abgeleitet hat.

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Tee und Papier

Dass aus China der Tee kommt, ist bekannt. Das Wort "Tee" selbst stammt aus einer südchinesischen Sprache. Weniger bekannt ist, dass China auch die Heimat des Papiers ist, das im 8. Jahrhundert über Samarkant in die islamische Welt und von dort im 12. Jahrhundert nach Europa kam.

Das ganze Territorium ist reich an Flüssen und Seen, die das Ackerland fruchtbar machen. In den Bergen sucht man nach Edelsteinen. Die Stadt ist ein Sammelplatz von Teepflanzen, und aus den in der Umgebung wachsenden Rohren und Blättern erzeugt man hier ungewöhnlich große Mengen von Papier

 
 

Die "Chinesischen Musen"

Der humanistisch gebildete Pater bringt öfter Vergleiche mit der griechischen Mythologie: Von den Bergen ist einer besonders denkwürdig, der sogenannte Jiuchin. Der Name bedeutet "Neun Jungfrauen". Nach einer schriftlichen Überlieferung sollen dort neun Schwestern in ständiger Jungfräulichkeit gelebt und sich geheimen Künsten gewidmet haben. Könnte man da nicht auf den Gedanken kommen, dies seien die chinesischen Musen gewesen?

 


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Ausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Konstanz 2000-2001