Martino Martini - 'Novus Atlas sinensis' (1655)
die Kartographie Chinas im 17. Jahrhundert



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Eine Jahrtausende alte Kultur

 


 

Mit Hochachtung und Erstaunen über eine mehrere tausend Jahre alte Tradition blickt Martino Martini auf die Kulturgeschichte Chinas zurück:

China - die höchst-entwickelte Kultur Asiens

In ganz Asien gibt es keine Region ..., die ein größeres Ansehen und eine höhere Kultur erreicht hat als der fernste Osten. Dies gilt für Politik und Staatskunst nicht weniger als für den Gebrauch der Schrift und den Stand des Wissens. Schon seit ältesten Zeiten haben die Chinesen ihre Geschichte selbst schriftlich überliefert. Diese reicht bis fast dreitausend Jahre vor Christi Geburt zurück, wie aus den Auszügen und Chronologien der Geschichte der fernsten Region Asiens, die wir gesammelt haben, klar hervorgeht. Schon damals hatten die Chinesen, wie wir aus der Überlieferung wissen, vor allem eine Schriftkultur, eine Philosophie der Ethik und Kenntnisse in Mathematik, was die ältesten astronomischen Beobachtungen und die in ältesten Dokumenten aufgezeichneten Gesetze der Staatsführung in vielfältiger Weise bestätigen, und die bis auf den heutigen Tag gelehrt werden.

 
   

Wie alt ist die Welt?

Dem modernen Leser fällt nicht auf, dass Martinis Datierung des Beginns der chinesischen Geschichte die christlich-abendländische Historiographie ins Wanken brachte und zu einem mehr als hundertjährigen Streit unter den Theologen führte. Wenn nach den vermeintlichen Aussagen des Alten Testaments die Welt im Jahr 4004 v. Chr. erschaffen wurde und die Sintflut im Jahr 2348 v. Chr. eingetreten war, wie war es dann möglich, dass die chinesische Geschichte fast 3000 Jahre vor Christi Geburt begonnen hatte?

 

 

Zur chinesischen Medizin

Durch die Missionare erhielt die abendländische Medizin zum ersten Mal Anregungen aus China.

Überlegenheit der chinesischen Medizin in der Praxis

... In der Heilkunst übertreffen uns die Chinesen, was die Praxis betrifft, in jeder Hinsicht. Im Gegensatz zu unseren Ärzten, die etwas mehr Gewicht auf Diskussionen und Spekulationen legen, haben die chinesischen einen viel größeren Erfolg in der Heilung von Krankheiten. Aus ältester Zeit besitzen sie Bücher über die Natur von Heilkräutern, Steinen und Bäumen, die in einer Art Lexikon zusammengefasst sind.

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Abfühlen des Pulses

Zwar finden wir bei Martini keine Hinweise auf die Akupunktur. Aber Pater Johannes Schreck hatte diese typisch chinesische Therapie bereits in einem Brief aus dem Jahr 1622 beschrieben. Erstaunt ist Martini über die Kunst der chinesischen Ärzte, Krankheiten aus dem Abfühlen der Pulses zu erkennen:

Sie haben so vorzügliche Kenntnisse über den Pulsschlag, dass sie beim Abfühlen manchmal sogar verborgene Geschwüre entdecken. ...

 
 

Europäische Medizin in China - Heilung von Malaria

Andererseits hat auch China die medizinischen Kenntnisse der Missionare dankbar angenommen. 1643 wurde Johannes Schrecks Werk Taixi renshen shuogai (Abriss der Erläuterung des menschlichen Körpers aus dem erhabenen Westen) in chinesischer Sprache veröffentlicht. Pater Dominique Parrenin (1665-1741) verfasste auf Geheiß des Kaisers Kangxi eine weitere Anatomie in mandschurischer Sprache.

Große Achtung erwarb sich am Kaiserhof die Kunst französischer Patres, als sie den Kaiser Kangxi von Malaria heilten. Zum ersten Mal verwendeten sie in China als Medikament das Chinin (die Ähnlichkeit dieses Wortes mit "China" ist zufällig), das 1638 in Peru entdeckt, von den Missionaren als "Chinarinde" oder "Jesuitenpulver" über die Welt verbreitet wurde und Millionen Malariakranken das Leben gerettet hat.

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Zur Eheschliessung in China

Martini konnte sich des Interesses seiner europäischen Leser an dem folgenden Bericht sicher sein:

Anders als in Europa

Die Art der Eheschließung ist von der unseren völlig verschieden. Bei den Chinesen ist es der Bräutigam, der seiner Braut eine Mitgift gibt. Sogar ärmere Familien "kaufen" gewissermaßen die Braut von ihren Eltern. Falls die Brauteltern finanziell besser gestellt sind, dann geben diese, nachdem sie die Geschenke für die Herausgabe ihrer Tochter erhalten haben, gleich oder oft sogar höherwertige Geschenke zurück.

Die Verlobten haben sich vorher weder gesehen noch miteinander gesprochen. Es werden auch keine beurkundeten Verträge geschlossen. Durch Heiratsvermittler vereinbaren die Eltern beider Verlobten die Ehe. Die Braut wird in einer Sänfte zum Haus des Bräutigams getragen, das sie vorher nie gesehen hat. Eine große Schar von Begleitern geht dabei voraus, die am helllichten Mittag Fackeln tragen. Am Ziel angekommen übergibt ein Diener dem Bräutigam den Schlüssel zur Sänfte. Nur diesem ist es erlaubt, die Sänfte zu öffnen und endlich die Braut in Empfang zu nehmen.

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Konkubinen - das ungerechte Los der Frauen

Der Bericht endet mit einer kritischen Beurteilung der Lage der chinesischen Frauen:

Falls die Frau gestorben ist, kann der Mann eine andere heiraten. Es gilt nicht als sittenwidrig, wenn der Mann in seinem Haus eine Konkubine hat, so dass man das Los der Frauen als sehr ungerecht betrachten muss.

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Zur Verehrung des Konfuzius

Die Verehrung des Konfuzius ist kein "Götzendienst"

Martino Martini verteidigt die Verehrung des Konfuzius an den konfuzianischen Schulen. Er betont, dass hier keine "Götzenbilder" stehen, dass also diese Verehrung nichts mit Aberglauben zu tun hat. Gleichzeitig kritisiert er offen die Vertreter der Kirche, die diese Verehrung als verwerflichen heidnischen Götzendienst verurteilen und bekämpfen wollen.

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Konfuzianische Schulen

Die meisten Städte besitzen ein dem Konfuzius gewidmetes "Gymnasium". Bei den Chinesen steht nämlich Konfuzius in höchsten Ehren. Glanz und Größe kennzeichnen diese Schulen, die dem Philosophen durchaus würdig sind: Man findet dort weder Statuen noch Götzenbilder. Außer für die Studierenden sind sie für niemandem zugänglich, und auch für jene nur an bestimmten Tagen. Dort erklären die Lehrer die Philosophie des Konfuzius und seine Schriften, und den Kandidaten werden dort ihre Würden übertragen. Auf vielfältige Weise bekunden diese, dass sie in tiefer Dankbarkeit der von Konfuzius empfangenen Lehre zustimmen. Dies wird von bestimmten Personen, welche sich nur oberflächlich und nicht ohne Vorurteile mit diesen Dingen beschäftigt haben, als Aberglaube betrachtet.

 
 

Der "Ritenstreit"

Gerade der letzte Satz spielt auf einen mehr als hundert Jahre langen erbitterten Konflikt unter den Theologen an, den sogenannten "Ritenstreit". 1651 schickten die Jesuiten Pater Martino Martini nach Rom mit dem Ziel, vor dem Papst ihre Methode der Anpassung und Achtung der konfuzianischen Lehre und Riten und der Ahnenverehrung zu verteidigen. Es war anlässlich dieser schwierigen Mission, dass Martini 1655 seinen Atlas in Amsterdam drucken ließ.

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Zu Kunst und Kunsthandwerk in China

Uneingeschränktes Lob zollt Martini dem chinesischen Kunsthandwerk, das nun auch in Europa immer mehr bekannt und geschätzt wurde und die Kunst des Barock und Rokoko nachhaltig beeinflusst hat:

Hoch entwickeltes chinesisches Kunsthandwerk

Was auf dem Gebiet des Kunsthandwerks die Chinesen für produktive Künstler und Handwerker sind, zeigen ganz deutlich die Gegenstände, die von ihnen nach Europa gekommen sind: alle Arten von Seidenkleidern, Gegenstände aus Porzellan, Schmuckkästchen, die mit Lack und Gold überzogen sind, und Stickereien auf Kleidern und anderen Stoffen. Von diesen Produkten exportieren sie aber gewöhnlich nicht die besten Stücke. Ebenholz, Elfenbein, Korallen, Bernstein, Jaspis, härtesten Marmor und andere Edelsteine bearbeiten sie mit großem Können. Aus geschmolzenem Harz stellen sie eine Art künstlichen Bernstein her, der den echten an Schönheit übertrifft. Schon seit alter Zeit erzeugen sie aus Reis ein wunderbar durchsichtiges, aber leicht zerbrechliches Glas ...

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Differenziertes Urteil über die Chinesische Malerei

Differenzierter ist Martinis Beurteilung der chinesischen Malerei. Es verwundert nicht, dass Martini, der die Kunst Michelangelos, Leonardo da Vincis und Raffaels sicher kannte, in China die Ölmalerei vermisste:

In der Malerei sind wir ihnen deutlich überlegen, da sie weder die Regeln der Schattierung noch den Gebrauch der Ölfarben mit ihren Abstufungen und Mischungen kennen. Vögel und Blumen dagegen stellen sie sowohl in Farben als auch in Seidenstickereien ganz naturgetreu dar und verdienen dafür allgemein Bewunderung.

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Giuseppe Castiglione und Ignaz Sichelbarth - europäische Maler am Kaiserhof

Seitdem Matteo Ricci die ersten Ölgemälde nach China gebracht hatte, wurde die europäische Kunst auch in China bekannt und bewundert. Der italienische Jesuit und Maler Giuseppe Castiglione (1688-1766) arbeitete 40 Jahre lang sehr geachtet am Hof der Qing Dynastie. Ihm folgte der ebenfalls hoch  geschätzte Ignaz Sichelbarth (1708-1780) aus dem Egerland. Castiglione und Sichelbarth  machten die einheimischen Maler mit europäischen Techniken vertraut. Letztlich blieben die chinesischen Künstler aber doch ihrer eigenen Tradition treu.

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Ausstellung in der Bibliothek der Fachhochschule Konstanz 2000-2001